29. Januar 2015 Otto König / Richard Detje: Der Arbeitsmarkt im europäischen Vergleich

Benchmark Deutschland?

Ist das das deutsche Beschäftigungsmodell tatsächlich so erfolgreich, wie oft behauptet und vielfach auch im krisengeschüttelten europäischen Ausland geglaubt? Eine neue Studie überprüft das arbeitsmarktpolitische Ranking in Europa.

In den politischen Auseinandersetzungen in Europa übt Deutschland eine Führungsrolle aus. Das zeigt sich in diesen Tagen einmal mehr im Verhältnis zu Griechenland, in dem die Bundeskanzlerin und ihr Finanzminister restriktive Verhandlungsspielräume über die gesamte Palette der Troika-Auflagen abstecken. Dass dies federführend für die Mehrheit im Europäischen Rat geschieht, hat zweifelsohne mit dem ökonomischen Gewicht zu tun.

Doch in der Führungsrolle kommt auch Meinungsführerschaft zum Ausdruck. Dass die wettbewerbsorientierten »Reformen« der Schröder/Fischer-Regierung im letzten Jahrzehnt maßgeblich für eine wirtschaftliche Revitalisierung dieses Landes gewesen seien und damit als Vorbild für die Gesundung Europas gelten könnten, hat zuletzt allerdings an Überzeugungskraft eingebüßt. Nicht nur, weil Untersuchungen zu gegenteiligen Auffassungen kommen,[1] sondern vor allem, seitdem die »Konjunkturlokomotive« nicht mehr als ICE sondern eher als Interregio unterwegs ist.

 

Gehalten hat sich hingegen die Wertschätzung des Arbeitsmarktes. Auch wenn das »Beschäftigungswunder« in den Jahren der Großen Krise ganz irdischen Ursprungs einer aktiver Arbeitsmarktpolitik und »keynesscher« Antikrisenpolitik ist, bleibt doch ein Rekord: Nie zuvor war die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland so hoch wie gegenwärtig.

Um diese Erfolgskennziffer einordnen zu können, möchten wir auf den jüngsten Report des Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hinweisen.[2]

Tatsächlich: Die Erwerbstätigenquote[3] liegt hierzulande gleichsam auf skandinavischen Niveaus, nur getopt von Island, Schweden, Norwegen und der Schweiz. Deutschland liegt auf Platz fünf im europäischen Ranking vor Dänemark (Platz 9) oder Frankreich (Platz 16) und weit über dem EU (27)-Durchschnitt (Platz 18). Weit abgeschlagen die Krisenstaaten Portugal (26), Italien (34), Spanien (35) und Griechenland (38). Mit einem solchen Nachweis lässt sich vortrefflich Politik machen.

Erläuterung zur Abbildung: Nominell liegt die Erwerbstätigenquote in Deutschland auf Platz 5 im europäischen Ranking. Berücksichtigt man jedoch den hohe Anteil zudem kurzer Teilzeit, sackt Deutschland auf Platz 11 ab. Aus der Traum vom »Beschäftigungswunder«. [Quelle: IMK 2015, S. 7]

Doch das ist weit weniger als die halbe Wahrheit.

Erstens, weil die Erwerbstätigenquote als solche noch nichts aussagt über ganz unterschiedliche Arbeitszeitregime. Hier ist festzustellen: Nach wie vor stehen die Niederlande an der Spitze der Teilzeitarbeit: 45% der Beschäftigten arbeiten Teilzeit, im Durchschnitt 22 Stunden/Woche. Hoch ist auch der Teilzeitanteil der Schweiz mit 35% bei durchschnittlich 23,9 Sunden. Deutschland liegt im oberen Mittelfeld: jede/r vierte Erwerbstätige arbeitet hierzulande Teilzeit.

Zweitens: Teilzeit ist nicht gleich Teilzeit. Aufschlussreich ist ein Vergleich Schweden-Deutschland, zwei Länder im obersten beschäftigungspolitischen Ranking (s.o. Abb.) mit vergleichbaren Teilzeitquoten (25 bzw. 24%). Während Teilzeitbeschäftigte in Deutschland im Durchschnitt auf eine Wochenarbeitszeit von 18,8 Stunden kommen, arbeiten Teilzeitkräfte in Schweden 7,1 Wochenstunden länger (25,9 Wochenstunden). Die quantitative Differenz ist zugleich eine qualitative. In Schweden tendiert Teilzeitarbeit in weiten Bereichen zu kurzer Vollzeitbeschäftigung, während es in Deutschland umgekehrt ist: In der niedrigen Wochenarbeitszeit von Teilzeitbeschäftigten steckt ein erheblicher Anteil geringfügiger Beschäftigung weit jenseits des Status existenzsichernder Arbeit.

Drittens: Das Arbeitszeitregime ist geschlechtsspezifisch sortiert: Männer voll-, Frauen teilzeit. Hier nun zeigt sich die absurde Engführung des Fokus »Führungskräfte«. Formell steht dieses Land nicht schlecht da: auf dem sechsten Platz in Europa, was die Beteiligung der Frauen am Erwerbsleben anbelangt. Doch am Maßstab der wöchentlichen Arbeitszeit wird das Ausmaß der Diskriminierung und Zurückstufung deutlich: Die Wochenarbeitszeit der Frauen in Deutschland ist die sechsschlechteste in Europa!

Viertens: Das IMK ist auch der Frage nachgegangen, inwieweit Teilzeit »gewünscht« oder eher erzwungenermaßen nachgefragt wird: weil kein Vollzeitjob angeboten wird, weil Kinder zu betreuen sind oder weil die Pflege von Familienangehörigen oder Nahestehenden Abstriche an der eigenen Erwerbsarbeit erfordert. Der Befund: Von Teilzeitbeschäftigten wird im Durchschnitt eine längere — und damit eher existenzsichernde Arbeitszeit im Sinne einer verkürzten Vollzeit gewünscht. Doch sozialstaatliche Mängelverwaltung — nach wie vor lückenhafte Kinderbetreuungsmöglicheiten und unzureichende Pflege — erzwingt Teilzeit.

Fazit: Das deutsche »Beschäftigungswunder« ist ein Irrlicht. Arbeitsmarkt- und Arbeitszeitpolitik müssen unter den Gesichtspunkten existenzsichernder guter Arbeit und Zeitsouveränität neu angegangen werden.

[1] Siehe hierzu etwa Guillaume Duval, Modell Deutschland? Nein Danke! Französische Anregungen für die Zukunft Europas und seiner Industrie. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Detlef Wetzel und Jörg Hofmann sowie einem Nachwort von Henrik Uterwedde, VSA: Verlag, Hamburg 2014.
[2] Sven Schreiber: Erwerbstätigkeit in Deutschland im europäischen Vergleich, IMK-Report 103, Januar 2015.
[3] Das ist der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtzahl der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter.

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