29. August 2015 Otto König / Richard Detje: Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt

Wenn man nicht mehr weiß, was man kommende Woche verdient

Anlässlich des Labor Day, der in den USA und in Kanada jeweils am ersten Montag im September gefeiert wird, hat Robert Reich, ehemaliger Arbeitsminister in der Clinton-Administration, der an der University of California lehrt, auf eine beunruhigende Entwicklung hingewiesen.

So schätzt er, dass am Ende dieses Jahrzehnts rund 40% der zwischen New York und San Francisco Beschäftigten nicht mehr wissen, »was sie in der nächsten Woche oder gar am morgigen Tag verdienen werden«.[1]

Hintergrund dafür ist die wachsende Zunahme von unsicheren Jobs — als Kontraktarbeiter, befristet Beschäftigte, Solo-Selbständige, Freelancer, Agents usw. Reich geht sogar soweit, unsichere Beschäftigung bis Mitte des kommenden Jahrzehnts als dominant auf dem US-Arbeitsmarkt anzusehen.

Das Modewort lautet Gig-Economy, was jedoch nur ein Teil der Entwicklung ist. Gemeint sind damit Unternehmen, die temporäre Beschäftigung auf einem digitalen Markt organisieren — die Vermittlungsplattform Uber, über die per Smartphone-App Fahrdienste bzw. taxiähnliche Fahrten geordert werden können, ist das wohl prominenteste Beispiel. In den USA sind für Uber rund 160.000 Fahrer unterwegs, weltweit ist das Unternehmen in ca. 200 Städten in 45 Ländern aktiv.

Uber wurde 2009 gegründet und die Gig-Economy wird von McKinsey gegenwärtig auf nicht mehr als 1% des US-BIP geschätzt. Doch die Umwälzungsprozesse sind umfassender und haben eine sehr viel längere Vorlaufzeit. Konzentration auf das Kerngeschäft und Outsourcing sind dafür die Stichworte, Crowdsourcing davon wiederum eine der Umsetzungsformen.

Beispiel Apple: Eine Million Menschen entwerfen, produzieren und verkaufen iMacs und iPhones, weniger als 10% davon sind bei Apple beschäftigt.[2] Die Gewerkschaft der Freelancer in den USA geht davon aus, dass dort rund 53 Millionen Beschäftigte in der einen oder anderen Form als Freelancer, nicht selten als Zweitjob, tätig sind (bei einer Gesamtzahl von 157 Millionen Beschäftigungsverhältnissen in den USA), darunter 21 Millionen Contractors, die wir hierzulande meist als Werkvertragsarbeit bezeichnen würden.

Beispiel Großbritannien: Dort sind seit dem Beginn des letzten Jahrzehnts 1,4 Millionen sogenannte Mikro-Firmen mit 0-9 abhängig Beschäftigten, meist Solo-Selbständigen neu entstanden; mit 732.000 neuen Beschäftigungsverhältnissen machen sie das Gros des Arbeitsplatzzuwachses von 1,1 Millionen zwischen 2009 und 2014 aus.[3] Damit einher gegangen ist eine erhebliche Zunahme von Armut trotz Arbeit, sind doch die Einkommen dieser Solo- oder Kleinstselbständigen in den zurückliegenden sechs Jahren um 22% gesunken.

Robert Reich weist darauf hin, dass Stundenverdienste von Freelancern nicht selten über denen vergleichbarer Jobs im Unternehmen liegen — bei Uber sollen es bis zu 25 $ sein, doppelt so viel wie Taxi-Fahrer verdienen. Doch das Problem ist: Man weiß nicht, wie lange man am Tag bezahlt bekommt, wie viel man morgen oder in der kommenden Woche verdient. Und: mit einem Selbständigen-Status geht die soziale Sicherung flöten — sei es in der Arbeitslosenversicherung, in der gesetzlichen Kranken- oder Rentenversicherung.

Zwei positive Meldungen: Erstens beginnen Gerichte, so u.a. in Californien, den Selbständigen-Status zu hinterfragen und Beschäftigten den Zugang zur Sozialversicherung zu eröffnen. In den USA ist das eine ebenso wichtige Auseinandersetzung wie hierzulande der Status des Werkvertrages.

Zweitens hat beispielsweise die US-Transportarbeitergewerkschaft Teamsters mehrere lokale bzw. regionale App-Based Driver Associations unter anderem für Uber-Beschäftigte gegründet. Dort und andernorts werden neue Ansätze gewerkschaftlicher Interessenorganisation erprobt.

[1] Robert Reich: The Upsurge In Uncertain Work, Social Europe, August 25, 2015, http://www.socialeurope.eu/2015/08/the-upsurge-in-uncertain-work/
[2] Noam Scheiber, Growth in the Gig Economy Fuels Work Force Anxieties, July 12, 2015, http://www.nytimes.com/2015/07/13/business/rising-economic-insecurity-tied-to-decades-long-trend-in-employment-practices.html?_r=0
[3] The Gig-Economy Spells End Of Lifetime Carriers, August 5, 2015. www.ft.com/cms/s/2/ab492ffc-3522-11e5-b05b-b01debd57852.html

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