30. Januar 2007 Richard Detje

Arbeit durch mehr Ungleichheit?

Widerlegung des Dogmas, dass Verteilungsungerechtigkeit der Preis für den Abbau der Arbeitslosigkeit ist[1]

 

Einer der zentralen Annahmen der herrschenden Gesellschafts- und Verteilungspolitik besagt, dass die moderne Welt beständig zwischen Skylla und Charybdis segelt. Während es dem Griechen Odysseus in der Sage noch gelang, die gefährliche Meerenge zwischen dem sechsköpfigen Seeungeheuer und den großen Wasserstrudeln zu durchfahren, müssten sich die heutigen Marktakteure entscheiden. Entscheiden sie sich für mehr Verteilungsgerechtigkeit, so gehe dies auf Kosten der Beschäftigung; votieren sie hingegen für ein hohes Beschäftigungsniveau, müssten sie wohl oder übel eine höhere Lohnspreizung in Kauf nehmen.

In die aktuelle arbeitsmarktpolitische Auseinandersetzung übersetzt: Hohe Mindestlöhne lassen die Arbeitslosigkeit ansteigen; deren Bekämpfung hingegen erfordere eine konsequente Politik der Ausweitung von Niedriglohnsektoren. Wer Anschauungsunterricht wünscht, solle die Verhältnisse in einer Reihe westeuropäischer Länder, die sich für den ersten Pfad entschieden hätten, mit denen in den USA vergleichen, wo die Probe aufs Exempel gemacht würde, dass der Jobmotor durch große Lohn- und Einkommensunterschiede angetrieben wird.

USA-Europa: Beleg für was?

Die These vom beschäftigungspolitischen Segen einer starken Lohnspreizung hat sich zu einem Dogma verfestigt, das kritisches Denken nicht mehr zur Kenntnis nimmt. Die Selbstimmunisierung in einer heilen Modellwelt funktioniert jedoch nur bei ausgeprägter Wirklichkeitsverleugnung.

  Ein unverstellter Blick auf die USA: Dort ist die Beschäftigung in Zeiten gestiegen, in denen die Lohnspreizung verstärkt wurde, aber ebenso in Jahren, in denen sie abgenommen hat. Die massiven Lohneinbußen, die seit den 1980er Jahren gering qualifizierten US-Bürgern aufgeherrscht wurden, haben deren Beschäftigung keineswegs erhöht. Als in den 1990er Jahren die Lohnspreizung zurückging, stieg die Beschäftigung deutlich an.

  In Europa: Der Anstieg der Massenarbeitslosigkeit erfolgte in den 1980er Jahren bei nahezu unveränderten Lohnstrukturen, kann also schwerlich auf deren Kompression zurückgeführt werden. Als im darauffolgenden Jahrzehnt der neoliberale Druck zugunsten stärkerer Lohnspreizung erfolgreich war, stieg die Massenarbeitslosigkeit weiter an. Auch in Europa ging diese Entwicklung vor allem zu Lasten gering Qualifizierter: Die Verschlechterung ihrer Einkommensposition führte zu keiner Aufhellung ihrer Beschäftigungsperspektiven, sondern mündete in einem Prozess der wechselseitigen Verstärkung prekärer Arbeits- und Lebensverhältnisse. Jedenfalls in den meisten EU-Ländern. Nicht hingegen in Schweden und Dänemark - Länder, die partout nicht in die neoliberale Modellwelt passen.

 

Vom Ende solidarischer Lohnpolitik zum Roll back

Schauen wir uns angesichts der neoliberalen Konfusionen die Entwicklung in der Bundesrepublik näher an. In welchen Zeiträumen ist hierzulande ein stärkerer Anstieg der unteren Lohngruppen - und damit eine Kompression der Lohnstruktur - erfolgt und in welchem Zusammenhang steht dies zu Zunahme und Verfestigung von Arbeitslosigkeit?

Der Vergleich der Löhne für Tätigkeiten mit kurzer Anlernzeit (Leistungsgruppe III) mit Facharbeiterlöhnen (LG I) gibt Aufschluss über die Entwicklung der Lohnspreizung im unteren Bereich der Einkommenspyramide (Abb. 1). Drei Entwicklungsphasen lassen sich unterscheiden:

  Eine Politik der stärkeren Anhebung der unteren Lohngruppen (durch Festgeltbeträge wie auch durch Höhergruppierungen) hatte ihre größte Wirkungsmächtigkeit bis Ende der 1970er Jahre erreicht.

  Im darauffolgenden Jahrzehnt kam es zu keinen weiteren Verschiebungen in den relativen Lohnpositionen. Der Höhepunkt solidarischer Lohnpolitik war überschritten.

  Ab Mitte der 1990er Jahre setzte der Roll back ein. Die Einkommensschere ging zu Lasten der Einkommen für gering qualifizierte Arbeit weit auseinander. In wenigen Jahren wurde ein in der deutschen Nachkriegsgeschichte neues Niveau der Lohnungleichheit geschaffen.

 

Dabei handelt es sich um keine Separatentwicklung im Arbeiterbereich. In den Angestelltenbereichen gelang es allerdings besser als bei den Arbeitern, den Rückstand der unteren Gehaltsgruppen bis Ende der 1970er Jahre zu verringern und den Roll back seit Mitte der 1990er Jahre zu begrenzen.


Bei Arbeitern Lohn für Arbeiten mit kurzer Anlernzeit in Prozent zum Facharbeiterlohn, bei Angestellten Gehalt für Anlerntätigkeiten in Prozent zum Gehalt für Tätigkeiten, die eine abgeschlossene Berufsausbildung erfordern
Quelle: Schettkat 2006, Tab. 3.1, S. 35

Auch die Entwicklung in Deutschland lässt sich nicht über den neoliberalen Leisten brechen. In Jahrzehnten, in denen die Unterschiede in der Lohnstruktur zurück gehen, herrschte Vollbeschäftigung, während der Anstieg der Massenarbeitslosigkeit in den 1980er und 1990er Jahren mit einer zunächst konstanten und dann starken Zunahme der Spreizung zwischen den unteren und mittleren Lohn- und Gehaltsgruppen einher ging.

Damit ist zugleich ein Hinweis darauf gegeben, dass auch die These nicht hinreichend entlohnter Qualifikationsanstrengungen in diesen Einkommensklassen empirisch nicht belegt ist.[2]

Auch die These von einer Gefährdung des Lohnabstandsgebots zwischen Sozialtransfers und unteren Erwerbseinkommen ist empirisch nicht aufrecht zu halten. "Für einen 'Single' ist der Abstand mit rund 60% gewaltig. Selbst für Einverdiener-Ehepaare mit einem Kind ist noch immer ein deutlicher Nettoeinkommensabstand von rund 30%, der mit der Zahl der Kinder abnimmt, aber bei 3 Kindern immer noch rund 20% beträgt, festzustellen."[3] Auch nimmt die Arbeitsmotivation nicht generell mit geringerem Sozialtransfer-Lohn-Abstand ab. Darauf verweisen nicht zuletzt jene 390.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, die im Juni 2005 eine Aufstockung ihres nicht existenzsichernden Erwerbseinkommens bekamen.

Und was schließlich die These anbelangt, dass das Niveau der Existenzsicherung per Sozialtransfers in Deutschland zu hoch sei und deshalb zu hohe Niedrigerwerbseinkommen erzwinge, hält die Realität eine überraschende Erkenntnis parat: "Richard Freeman und Ronald Schettkat (1998) haben einen Anspruchslohn aus Sozialhilfetransfers in Deutschland geschätzt und mit dem gesetzlichen US Mindestlohn verglichen, denn beide ziehen eine Lohnuntergrenze in den Arbeitsmarkt ein. Das überraschende Ergebnis: Der Anspruchslohn liegt mit rund 33% in Deutschland relativ zum Durchschnittslohn ungefähr gleich auf mit dem gesetzlichen Mindestlohn in den USA. In beiden Ländern gibt es also ungefähr gleich hohe relative Lohnuntergrenzen".[4]

Deutschland: mehr Lohnungleichheit bei Niedrigeinkommen als in den USA

Die Überraschung kann noch gesteigert werden. Die Einkommensunterschiede zwischen ungelernten Arbeiten und solchen mit Berufsausbildung ist in Deutschland größer als in den USA. Erst im oberen Bereich nimmt mit höherer Qualifikation die Lohnspreizung in den USA gegenüber mittleren Qualifikationsstufen stärker zu als hierzulande. Insgesamt ist die Lohnstruktur in den USA weiter auseinander gezogen als in Deutschland. Aber diese stärkere Differenzierung ist in den USA das Resultat der Einkommensentwicklung in den oberen Gehaltsklassen, woraus sich ergibt, "dass in den USA nur die oberen 10 Prozent der Einkommensverteilung ein Einkommenszuwachs erzielten, der den gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt übertraf. Zudem hat noch die Einkommensungleichheit unter den 'Top-Ten' dramatisch zugenommen. Von 1997 bis 2001 gingen etwa 50% des Einkommenszuwachses in den USA an die 'Top Ten', wovon die 1% höchsten Einkommen nahezu die Hälfte erhielten. Im Vergleich dazu: die 20% der niedrigsten Einkommen erhielten 2% des Einkommenszuwachses."[5]

In Deutschland ist hingegen der gegenläufige Effekt einer sehr viel stärkeren Spreizung zwischen den unteren und mittleren Lohn- und Qualifikationsgruppen festzustellen. D.h.: Deutschland liefert gerade in dem immer wieder herangeführten Vergleich mit den USA keinerlei Beleg für einen Zusammenhang von vermeintlich zu hohen Niedriglöhnen und der hohen Arbeitslosigkeit insbesondere von gering Qualifizierten. Gegen die Anhebung von Niedrigsteinkommen und die Einführung von Mindestlöhnen lassen sich also weder empirisch stichhaltige wettbewerbspolitische Argumente (im Vergleich USA-Deutschland) anführen, noch ist seriöserweise mit abnehmender Arbeitsmotivation bei fälschlicherweise unterstelltem geringen Lohnabstandsgebot von Sozialeinkommen zu argumentieren.

Die Tatsache, dass in Deutschland seit den 1990er Jahren die Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich von Arbeitnehmern ohne Berufsabschluss zugenommen und sich verfestigt hat, liegt nicht in der Lohnstruktur begründet. Auch hier sind die realen Verhältnisse umgekehrt: Nicht die Lohnstruktur prägt die Arbeitsmarktentwicklung, sondern die Arbeitsmarktentwicklung die Lohnstruktur. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit findet ein Verdrängungsprozess gering Qualifizierter statt, weil die Unternehmen selbst für einfache Tätigkeiten besser Qualifizierte einstellen, die im Bedarfsfall flexibler einsetzbar und gemessen an ihrer Qualifikation unterbezahlt sind. Gering Qualifizierte geraten so in eine Abwärtsspirale nach unten.

In welchem Maße dies in Deutschland in den letzten Jahren erfolgt ist, zeigen internationale Vergleiche. "Nach der Analyse der EU-Kommission (2005) ... ist die Lohnspreizung in Deutschland ... ungefähr gleichauf mit der des Vereinigten Königreichs, das bisher als Spitzenreiter hinsichtlich der Lohnspreizung in Westeuropa galt."[6]

Auch in Europa haben sich die sozialen Verhältnisse verschoben: Während im Vereinigten Königreich seit der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns im Jahr 1999 und dessen kontinuierlicher Steigerung auf mittlerweile über 8 Euro/Stunde eine Kompression am unteren Ende der Lohnskala erfolgte, wurde die Lohnungleichheit in Deutschland weiter verstärkt. Und während die Arbeitslosigkeit im Vereinigten Königreich zurückging, stieg sie hierzulande auf Rekordniveau. "Arbeitslosigkeit und relative Löhne haben sich offenbar gleichgerichtet entwickelt oder anders ausgedrückt: Trotz fallender relativer Löhne hat die Arbeitslosigkeit der geringer Qualifizierten zugenommen."[7]

Gesellschaftspolitisch formuliert: Das Hauptland des einst ob seiner relativen sozialen Symmetrie geschätzten Rheinischen Kapitalismus ist bereits eine erhebliche Wegstrecke auf dem Pfad des angelsächsischen Kapitalismus vorangekommen. Hohe Zeit für Gewerkschaften, sich dem Problem der Arbeitsarmut und der Prekarität verstärkt anzunehmen.

P.S. Kommen wir abschließend auf die Odyssee zurück. Für T.W. Adorno war Homers Erzählung gleichsam der literarische Basistext für die Herausbildung des modernen Menschen, der sich nicht den Göttern und der Vorhersehung fügt, sondern dagegen ankämpfend zum Subjekt seines eigenen Lebensweges wird (Dialektik der Aufklärung). Die Dogmatiker des Neoliberalismus fallen - literarisch gesprochen - mit ihrer Parole "Es gibt keine Alternative" und der Konstruktion von Sachzwängen dahinter zurück.

[1] Die folgenden Ausführungen stellen einige Ergebnisse einer sehr aufschlussreichen HBS-Studie vor: Ronald Schettkat: Lohnspreizung: Mythen und Fakten. Eine Literaturübersicht zu Ausmaß und ökonomischen Wirkungen von Lohnungleichheit, Edition der Hans-Böckler-Stiftung 183, Düsseldorf 2006. Dort sind die unterschiedlichen Daten und Berechnungsmethoden erläutert.
[2] Anders in den hochqualifizierten Bereichen: "Tendenziell haben die Verdienstunterschiede zwischen Arbeitnehmern mit mittlerer und niedriger Qualifikation zugenommen, während die zwischen Hochqualifizierten und Arbeitnehmern mit mittlerer Qualifikation abgenommen haben." Schettkat, a.a.O., S. 41.
[3] Ebenda, S. 44.
[4] Ebenda, S. 44f.
[5] Ebenda, S. 48.
[6] Ebenda, S. 37.
[7] Ebenda.

 

 

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