23. Oktober 2004 John Kenneth Galbraith

Eine dunkle Wolke hängt über der Zivilisation

Am Ende des Zweiten Weltkrieges war ich Direktor im US-Strategic Bombing Survey (Usbus). Ich leitete eine große Abteilung von gelernten Ökonomen zur Bewertung der industriellen und militärischen Auswirkungen der Bombardements auf Deutschland. Die nachhaltigen Wirkungen des strategische Bombardement von deutschen Industrieanlagen, Straßen, Bahnverbindungen, Flughäfen und Städten waren enttäuschend. Angriffe auf Produktionsstätten, die solch wichtige Dinge wie Kugellager herstellten, oder gar Angriffe auf Flugzeugfabriken erwiesen sich leider als unnütz. Durch die örtliche Verlagerung von Anlagen und Maschinen und entschlossenem Management gelang es den Deutschen, sogar noch zu Beginn des Jahres 1944 nach einem Großbombardement ihre Kampffliegerproduktion zu steigern. In den Städten hatte die wahllose Grausamkeit und Tötung aus der Luft keine nennenswerten Folgen für die Kriegsproduktion oder den weiteren Verlauf des Krieges.

Dem wurde von den alliierten bewaffneten Einheiten nachdrücklich widersprochen – insbesondere natürlich von Seiten der Luftwaffe, obgleich unsere Analysen von den fähigsten Wissenschaftlern erstellt worden waren und bestätigt wurden von für die Industrie zuständigen offiziellen deutschen Stellen und einwandfreien deutschen Statistiken sowie dem Leiter der deutschen Rüstungsproduktion, Albert Speer. Unsere Schlussfolgerungen wurden beiseite gewischt. Die staatlichen und wissenschaftlichen Verbündeten der Luftwaffe verhinderten zudem ein Jahr lang meine Berufung auf eine Professur in Harvard.

Das ist nicht alles. Das größte militärische Unglück in der US-amerikanischen Geschichte bis zum Irak-Krieg war der Krieg in Vietnam. Als ich Anfang der 1960er Jahre im Rahmen einer Untersuchungskommission dorthin geschickt wurde, besaß ich einen umfassenden Einblick in die militärische Dominanz der US-Außenpolitik – eine Dominanz, die sich mittlerweile zu einer Verdrängung der vermeintlich zivilen Führung ausgeweitet hat. In Indien, wo ich Botschafter war, in Washington, wo ich Zugang zu Präsident Kennedy hatte, und in Saigon entwickelte ich eine sehr negative Einstellung zu dem Konflikt. Später, 1968, unterstützte ich die Anti-Kriegs-Kampagne von Eugene McCarthy. Seine Kandidatur wurde in unserem Haus in Cambridge bekannt gegeben.

Zur damaligen Zeit unterstützte das militärische Establishment in Washington den Krieg. Es wurde als selbstverständlich erachtet, dass die bewaffneten Einheiten wie auch die Rüstungsindustrie Kriegshandlungen billigten und guthießen - Dwight Eisenhowers "militärisch-industrieller Komplex".

In 2003 wurde nahezu die Hälfte der frei disponiblen Ausgaben der US-Regierung für militärische Zwecke verwendet. Ein großer Teil davon war für die Beschaffung und Entwicklung von Waffen. Nuklear betriebene Unterseeboote kosten Milliarden von Dollar, Flugzeuge mehrere zehn Millionen Dollar das Stück.

Solche Ausgaben sind nicht Gegenstand gesonderter Untersuchungen. Die wichtigsten Industrieunternehmen entwerfen Pläne für neue Waffen und sie erhalten die Produktionsaufträge und stecken den Profit ein. In einem beeindruckenden Strom von Einfluss und Herrschaft versorgt die Rüstungsindustrie ihre Wählerschaft mit Arbeitsplätzen, Managementgehälter und Profiten und indirekt ist sie eine ergiebige Quelle für politische Fonds. Ihr Dank und ihre politische Unterstützung gilt Washington und dem Verteidigungshaushalt. Und der Außenpolitik oder – wie im Fall Vietnams und des Irak – dem Krieg. Dass der private Sektor eine entscheidende Rolle im öffentlichen Sektor spielt, ist offenkundig.

Niemand bezweifelt, dass das moderne Unternehmen die dominante Kraft in der heutigen Ökonomie ist. Früher gab es Kapitalisten: Stahl von Carnegie, Öl von Rockefeller, Tabak von Duke, Eisenbahnen, die von den Reichsten oft mangelhaft betrieben wurden. In Unterschied zu diesen Kapitalisten sind Marktstellung und politischer Einfluss des modernen Unternehmensmanagements heute öffentlich akzeptiert. Ihre bestimmende Rolle im militärischen Establishment, bei den öffentlichen Finanzen und der Umwelt wird unhinterfragt vorausgesetzt, ebenso andere Formen öffentlichen Einflusses. Entgegenwirkende soziale Defekte und deren Folgen erfordern allerdings Beachtung.

Dazu gehört, wie gegenwärtig beobachtet werden kann, die Art und Weise, wie die Macht der Unternehmen öffentliche Aufgaben nach eigenem Gutdünken gestaltet. Sie verfügen, dass Erfolg gleichgesetzt wird mit mehr Autos, mehr Fernseher, generell mehr Konsumgüter – und mehr tödliche Waffen. Negative Folgen – Umweltverschmutzung, Zerstörung der Landschaft, fehlender Gesundheitsschutz für die Bürger, die Bedrohung durch militärische Aktionen und Tod – zählen nicht.

Die Besitzergreifung von öffentlichen Maßnahmen und öffentlicher Autorität durch Unternehmen macht sich in der Umwelt auf unerfreuliche Weise bemerkbar und ist gefährlich im Hinblick auf die Sicherheits- und Außenpolitik. Kriege sind eine zentrale Herausforderung für die Zivilisation, und die unternehmenspolitische Einflussnahme auf Beschaffung und Einsatz von Waffen nährt die Gefahren. Es schafft Legitimität – und den Anschein heroischer Tugenden – für Verwüstung und Tod.

Im heutigen Großunternehmen ist das Management die entscheidende Kraft. Vorstand und Aufsichtsrat sind liebenswürdige Einrichtungen, die der realen Macht des Managements völlig untergeordnet sind.

Hartnäckig hält sich der Mythos von der Autonomie der Investoren, dem Ritual der Verstands- und Aufsichtsratssitzungen und der Aktionärsversammlungen, aber kein seriöser Beobachter der heutigen Unternehmung kann der Realität entfliehen. Die Macht im Unternehmen übt das Management aus, eine Bürokratie, die ihre Funktionen und Gratifikationen – die bis an die Grenze zum Diebstahl gehen können – selbst kontrolliert.

Indem private Unternehmen in den öffentlichen Sektor vordringen, gestalten sie diesen gemäß ihren Interessen. Das gilt vor allem, wenn Firmen ins Establishment der Verteidigungspolitik vordringen. Hierdurch nehmen sie entscheidenden Einfluss auf den Verteidigungshaushalt, die Außenpolitik und schließlich militärische Aktionen. Krieg. Obgleich es sich hierbei um eine durchaus normale und zu erwartende Folge des Einsatzes von Geld und Macht handelt, sind die weitreichenden Folgen doch verdeckt.

Angesichts der führenden Rolle im modernen Unternehmen lag auf der Hand, dass das Management seine Bedeutung in der Politik und in der Regierung ausbauen würde. In den USA verfügen Manager über direkten Zugang zum Präsidenten, Vize-Präsidenten und zum Verteidigungsminister. Vertreter führender Unternehmen nehmen ranghohe Positionen in der Regierung ein; einer kam aus dem bankrotten und kriminellen Unternehmen Enron, um den Vorsitz über die Armee zu übernehmen.

Die Entwicklung von Militär und Waffen sind treibende Faktoren der Außenpolitik. Einige Jahre lang übten privater Unternehmen auch spürbaren Einfluss im Finanzministerium aus. Und auf die Umweltpolitik.

Seit biblischen Zeiten – und sogar noch davor – schätzen wir den Fortschritt der Zivilisation. Heute sind die USA und Britannien mit den bitteren Folgen des Krieges im Irak konfrontiert. Wir nehmen den programmierten Tod junger Menschen und das ziellose Gemetzel von Frauen und Männern aller Altersklassen hin. Das war so im Ersten und Zweiten Weltkrieg, und das ist der Fall im Irak. Zivilisiertes Leben ist ein großer weißer Turm zum Ruhme des menschlichen Fortschritts, aber über seiner Spitze hängt beständig eine große schwarze Wolke – menschlicher Fortschritt überschattet von unvorstellbarer Grausamkeit und Tod.

Die Zivilisation hat über die Jahrhunderte gewaltige Schritte in der Wissenschaft, der Gesundheitsvorsorge, den Künsten und dem wirtschaftlichem Wohlstand getan. Aber in ihr kommt zugleich der Entwicklung von Waffen und der Gefahr und Realität des Krieges eine privilegierte Rolle zu. Massenhaftes Gemetzel ist zur ultimativen Errungenschaft der Zivilisation beworden.

Den Tatsachen des Krieges kann man nicht entrinnen – Tod und wahlloses Abschlachten, Außerkraftsetzung zivilisatorischer Werte, eine aus den Fugen geratene Nachkriegsordnung. Die beschriebenen wirtschaftlichen und sozialen Probleme können mit Analysen und Aktionen angegangen werden. Was auch schon geschehen ist. Krieg bleibt das entscheidende menschliche Versagen.

Aus: The Guardian vom 15. Juli 2004

 

Zurück