2. Februar 2004 Alexandra Wagner

Im Rückwärtsgang zur 40-Stunden-Woche?

Tatsächliche und gewünschte Arbeitszeiten und wie man sie in Übereinstimmung bringen kann - Thesen

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1. Die tarifvertraglichen Arbeitszeiten wurden in Westdeutschland zwischen Mitte der 1980er und Mitte der 1990er Jahre um ca. zwei Stunden verkürzt. Auch in Ostdeutschland fand bis Mitte der 1990er Jahre eine Verkürzung der tarifvertraglichen Arbeitszeiten statt. Damit war jedoch das vorläufige Ende dieser Serie tarifvertraglicher Arbeitszeitverkürzungen erreicht. Seitdem liegen die tariflichen Arbeitszeiten im gesamtdeutschen Durchschnitt unverändert bei 37,6 Wochenstunden.

2. Allerdings weichen die betrieblich vereinbarten Arbeitszeiten in vielen Fällen von den Tarifverträgen ab. Sie liegen ca. eine Stunde über den tarifvertraglichen Arbeitszeiten. Eine Analyse der vereinbarten Arbeitszeiten zeigt: Die 40-Stunden-Woche hat weiterhin große Bedeutung als faktischer Arbeitszeitstandard, und zwar sowohl in West- als auch in Ostdeutschland.

3. Die tatsächlichen Arbeitszeiten der Vollzeitbeschäftigten sind in der zweiten Hälfte des zurückliegenden Jahrzehnts wieder länger geworden und betragen im Jahr 2001 in Ost- und Westdeutschland 40 Stunden. Die Differenz zwischen tarifvertraglicher und tatsächlicher Arbeitszeit beträgt folglich fast 2,5 Wochenstunden.

4. Die abnehmende Tarifdeckung und eine abnehmende Regelungswirksamkeit - insbesondere im Zusammenhang mit der zunehmenden Flexibilisierung der Arbeitszeiten - sind Schwachstellen der tarifvertraglichen Arbeitszeitregulierung. Zwischen Flexibilisierung und Verlängerung der Arbeitszeit gibt es derzeit fließende Übergänge.

5. Die Dauer der Arbeitszeit kann zukünftig nicht mehr der alleinige Dreh- und Angelpunkt tarifvertraglicher Arbeitszeitpolitik sein. Zunehmende Bedeutung bekommt die Frage, welche Möglichkeiten die Tarifverträge den einzelnen Beschäftigten bieten, die Kontrolle über ihre Arbeitszeit zu behalten bzw. wieder zu erhöhen.

6. Die Arbeitszeitwünsche lassen erkennen, dass durchschnittlich kürzere Arbeitszeiten gewünscht als tatsächlich praktiziert werden. Dabei wollen Personen mit längeren Arbeitszeiten ihre Arbeitszeit stärker verkürzen als Personen mit kürzeren Arbeitszeiten. Arbeitszeitwünsche sind homogener als die tatsächlichen Arbeitszeiten: Extreme - d. h. besonders lange und besonders kurze Arbeitszeiten - werden seltener gewünscht.

7. Die gewünschten Arbeitszeiten von Männern und Frauen weichen weniger voneinander ab als die tatsächlichen. Überwiegend wird eine weniger ungleiche Verteilung der Arbeitszeiten zwischen den Lebenspartnern gewünscht. Für eine Realisierung der Erwerbs- und Arbeitszeitwünsche sind Umverteilungsprozesse bezahlter Arbeit zwischen Männern und Frauen erforderlich.

8. Die Arbeitszeitwünsche lassen darüber hinaus erkennen, dass eine größere Variationsmöglichkeit der Arbeitszeiten gewünscht wird. Blockfreizeiten und Teilzeitarbeit für einen bestimmten Zeitraum werden als Möglichkeiten angesehen, individuellen und sich im Verlauf des Erwerbslebens ändernden Zeitwünschen und -bedarfen zu entsprechen.

9. Die Wünsche der Beschäftigten weisen in Richtung eines neuen Arbeitszeitstandards, der im Bereich (heutiger) kurzer Vollzeit oder langer Teilzeit liegt. Elemente eines neuen Arbeitszeitstandards könnten sein: der Schutz vor übermäßig langen Arbeitszeiten (Begrenzung der Arbeitszeit nach oben), die allgemeine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit (Senkung des Vollzeitstandards), Wahlmöglichkeiten für Arbeitszeiten unterhalb des Vollzeitniveaus (verbunden mit sozialem Schutz), Förderung substanzieller Teilzeitarbeit und Abschaffung der Anreize für marginale Teilzeitarbeit (Minijobs).

10. Die Chance einer Stärkung tarifvertraglicher Arbeitszeitregulierung liegt im Zusammenhang beider Seiten - der Verbesserung individueller Wahlmöglichkeiten und der allgemeinen Arbeitszeitbegrenzung. Dieser mögliche Grund- oder Leitgedanke eines zukünftigen gesellschaftlichen Arbeitszeitstandards könnte sich in Tarifverträgen niederschlagen, die Regel- und Höchstarbeitszeiten verbinden mit mehr dezentralen Einflussmöglichkeiten und neuen Mitbestimmungsrechten.

11. Den Beschäftigten selbst wird künftig eine aktive - wenn nicht die entscheidende - Rolle bei der Realisierung vereinbarter Arbeitszeitregulierung zukommen. Weil das so ist, bedarf es zunächst einer breiten Debatte über konsensfähige Leitbilder der Arbeitszeitregulierung. Nur wenn sich die Beschäftigten mit den Regelungen identifizieren, werden sie ihnen auch Geltung verschaffen.

Alexandra Wagner ist Geschäftsführerin des Forschungsteam Internationaler Arbeitsmarkt in Berlin

 

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