3. Februar 2004 Friedhelm Hengsbach

Mehr Arbeitsplätze durch längere Arbeitszeit?

Der Zugriff der Wirtschaft auf die gesellschaftliche Zeit - Thesen

1. Die kollektive Arbeitszeitverkürzung entspricht einem säkularen Trend. Er ist begründet in der technikbasierten Produktivitätsentwicklung der Industrie, die durch die neuen Informations- und Kommunikationstechniken einen weiteren Schub erhalten hat.

2. Die Arbeitszeitverkürzung ist ein besonderes Kennzeichen der deutschen Industrie, die im Unterschied zu Japan und den USA einen überdurchschnittlichen Kapitalstock je Beschäftigten aufgebaut hat. Diese Entwicklung ist vermutlich die Folge der starken Industrie- und Exportlastigkeit der deutschen Wirtschaft.

3. Neuerdings wird von Experten und Arbeitgebern behauptet, die hohe Produktivität und Kapitalintensität der deutschen Wirtschaft sei lohnkosteninduziert, eine Folge der radikalen Arbeitszeitpolitik der Gewerkschaften. Sie führe am Ende zu einer Freisetzung von Arbeitskräften. Eine moderate Arbeitszeitpolitik könnte die "Produktivitätspeitsche" abmildern. Allerdings unterstellt diese Hypothese die vollständige Austauschbarkeit der Produktionsfaktoren Arbeit und Technik.

4. Seit dem Tarifkampf 1984 wird der Forderung nach kollektiver Arbeitszeitverkürzung das Angebot einer Flexibilisierung der individuellen Arbeitszeit gegenübergestellt. Diese entspreche den Bedürfnissen der Beschäftigten und gleichzeitig den Interessen der Unternehmer. Allerdings müsste gewährleistet sein, dass beim Aushandeln der flexiblen Arbeitszeiten die Verhandlungspositionen fair sind. Andererseits wird jede Flexibilisierung ohne Verkürzung der Arbeitszeit die Produktivität erhöhen und bei stagnierender Nachfrage auch die Arbeitslosigkeit.

5. Der Arbeitszeitunternehmer, der zu Beginn der 1990er Jahre die öffentliche Diskussion erregt hat, schien die bisherigen ökonomischen Regeln außer Kraft zu setzen, insbesondere das Korsett der Normalarbeitszeit. Er sollte autonom seine Arbeitszeit nach Auftrags- und Stimmungslage gestalten können, die Grenzen zwischen abhängiger Erwerbsarbeit und Privatleben zerfließen lassen und sich ausschließlich am Arbeitsergebnis und am Profit orientieren. "Vertrauensarbeitszeit" schien für die einen befreiend zu wirken, für die anderen, die sich ungeschützt der Selbstausbeutung ausgeliefert sahen, belastend. Dieser Zugriff der Unternehmen auf die Zeit der abhängig Beschäftigten hat sie aus partnerschaftlichen, familiären und nachbarschaftlichen Zusammenhängen herausgerissen. Sie mögen relativ viel individuelle Freizeit, nicht jedoch mehr gemeinsame Zeit, Festzeit gewonnen haben.

6. Der öffentliche Dienst ist bei einer möglichen Wende von der Arbeitszeitverkürzung zur Arbeitszeitverlängerung Pionier gewesen. Denn das 5000 X 5000-Modell bei VW war vorwiegend eine Antwort auf konjunkturelle Schwankungen der Nachfrage. Unter dem Druck der propagierten Sparzwänge wird die Arbeitszeit ohne Lohnausgleich verlängert. Erwartet werden Mehrleistung, Arbeitsverdichtung, Einsparungen, die Anerkennung betriebswirtschaftlicher Steuerungsmodelle im öffentlichen Dienst. Die unmittelbaren Folgen sind rechnerische Einsparungen (Stunden, Personal). Mittelbare Folgen werden sein: Überalterung, Demotivation, Dienst nach Vorschrift, Krankmeldungen, Leistungsminderung, Qualitätsverschlechterung.

7. Die Privatwirtschaft fühlt sich ermutigt, das Beispiel des öffentlichen Dienstes nachzuahmen. Arbeitszeitverlängerung und Lohnsenkung gelten als austauschbare Stellgrößen. Längere Arbeitszeiten sollen als Standortvorteil Arbeitsplätze sichern helfen. Kann die Arbeitszeitverlängerung den bisherigen Trend der Arbeitsverdichtung umkehren? Bei stagnierender Nachfrage wird die Mehrproduktion dazu führen, dass die Lager aufgefüllt werden. Oder es bleibt bei einem rein statistischen Effekt (vergleichbar dem Kalendereffekt). Kann eine defensive Arbeitszeitverlängerung den Prozess der Strukturanpassung im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung verlangsamen? Sollte sie das?

8. Die Wirtschaft ist Wirtschaft der Gesellschaft. Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche führt zu einem ambivalenten Wohlfahrtsgewinn. Materieller Wohlstand mag steigen, aber ebenso der Zeitnotstand. Die Erweiterung der Ladenöffnungszeiten oder die Erosion der Sonn- und Feiertage sind sowohl ökonomisch als auch gesellschaftlich fragwürdige "Reformen".

9. Die Natur der Gesellschaft deutet darauf hin, dass natürliche Kreisläufe nicht schrankenlos gesellschaftlichen Bedürfnissen und Interessen und damit linearen Zeitstrukturen ausgeliefert sein können. Umgekehrt kann es die Lebensqualität der Menschen erhöhen, wenn das gesellschaftliche Zeitregime sich an den Zeitrhythmen der natürlichen Umwelt orientiert: dem Wechsel von Tag und Nacht, der wöchentlichen Werk- und Sonntage, der Jahreszeiten.

Friedhelm Hengsbach ist Prof. an der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt a.M.

 

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