5. März 2007 Richard Detje

Prognose: ein Drittel weniger Arbeitslose

Was steckt dahinter?

(5.3.2007)
Licht am Ende des Tunnels? Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit hat es gesehen. In ihrer jüngsten Prognose[1] erwarten die Nürnberger Forscher einen Rückgang der Arbeitslosigkeit um 580.000 auf 3,9 Mio. im Durchschnitt des laufenden Jahres, nachdem sie in 2006 bereits um 370.000 gesunken war. Sollte sich der Aufschwung auch im kommenden Jahr fortsetzen, könnte innerhalb von drei Jahren ein Abbau in einer Größenordnung von nahezu 1,3 Mio. erfolgt sein. Mit 3,6 Mio. im Jahresdurchschnitt 2008 läge die Arbeitslosigkeit wieder auf dem Niveau vom Herbst 2006 – dem Höhepunkt des letzten Konjunkturzyklus. Ein Erfolg, der eine Feier verdient hätte. Denn damit wäre es gelungen, den Aufbau eines neuen, sich verfestigenden Arbeitslosensockels zu verhindern. Erstmalig seit den 1980er und 1990er Jahren.


Quelle: FAZ

Voraussetzung der Prognose ist ein anhaltender Aufschwung. In laufenden Jahr mit einer Rate von 1,75%, danach in Höhe von 2%. Damit folgt das IAB bewusst nicht den aus der Versenkung auferstandenen Optimisten, die nach Jahren, in denen sie dem "Standort Deutschland" wegen vermeintlich sklerotischer Inflexibilität niedergeschrieben haben, nun wieder eine neue Wachstumsepoche verkünden. Aber ebenso wie eine Rezession wird eine Entwicklung ausgeschlossen, die in eine Rückkehr auf den Pfad der Stagnation der Jahre 2001-2005 münden würde. Diese Prognoseannahme bedeutet, dass sich hierzulande endlich auf im Binnenmarkt eine Akkumulationsdynamik enthalten kann, die Konjunktur also nicht mehr nur vom Außenhandel angetrieben wird. Dort wurde im vergangenen Jahr mit 161,9 Mrd. Euro der größte Exportüberschuss aller Zeiten realisiert. Keynesianisch gesprochen: in einem zuvor nie dagewesenen Umfang Kaufkraft vor allem im europäischen Ausland abgeschöpft – zugunsten der Gewinne, aber auch der Beschäftigung hierzulande. Die Nürnberger Prognose unterstellt, dass diese beggar-my-neighbour-policy ergänzt und teilweise ersetzt wird durch den Aufbau von Beschäftigung auf steigende Binnennachfrage. Das hätte nicht nur trotz, sondern gegen die Politik der großen Koalition – Rentenkürzungen, Belastungen der Gesundheits"reform", Steuerentlastung der Unternehmen, "Haushaltskonsolidierung" auf Kosten der öffentlichen Investitionen – zu erfolgen. Welchen Beitrag Erfolge gewerkschaftlicher Tarifpolitik leisten können, bleibt abzuwarten.

Eine Prognose besteht aber nicht nur aus Zukunftsannahmen. Ebenso wichtig ist die Vergangenheit- und Gegenwartsanalyse. Dabei fällt zuallererst auf, dass zwischen Beschäftigungs- und Arbeitslosenentwicklung große Lücken klaffen. So ist die Zahl der Erwerbstätigen im vergangenen Jahr um 280.000 gestiegen, was 90.000 unter dem Rückgang der Arbeitslosigkeit liegt. Im laufenden Jahr wird mit einer Zunahme der Beschäftigung um 300.000 gerechnet, während der Arbeitsmarkt nahezu doppelt so stark entlastet werden soll. Hintergrund dafür ist zum einen eine kürzere Verweildauer in der Arbeitslosigkeit (der Arbeitsmarkt ist eine Fluss-, keine Verweilgröße) in Zeiten allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs. Dieser Faktor wird – der Prognose folgend – erst bei fortgesetztem Aufschwung verstärkt wirken. Im vergangenen Jahr wurden 2,74 Mio. aus "regulären" Jobs in die Arbeitslosigkeit (ALG I) entlassen, denen nur 2,21 Mio. ALG I-BezieherInnen gegenüberstehen, die einen Job auf dem 1. Arbeitsmarkt fanden – ein Negativsaldo von einer halben Million. "Entlastung" brachte eine andere Entwicklung, die mit Beschäftigung gar nichts zu tun hat: Ein knappes Drittel (32% = 1,25 Mio.) der ALG I-BezieherInnen landete in der Nichterwerbstätigkeit.[2] Dazu zählen Übergänge in die so genannte Stille Reserve[3] und in arbeitsmarktpolitische Maßnahmen,[4] die allerdings beide stagnierten. Quantitiv bedeutsam zu Buche schlagen Übergänge in den Ruhestand – darunter Ältere, die der Vermittlung nicht mehr zur Verfügung stehen müssen (§ 428 SGB III).


Quelle: IAB-Kurzbericht Nr. 5/2007, S. 4

Hier droht die Entwicklung in den kommenden Jahren in Richtung steigender und längerer Altersarbeitslosigkeit zu kippen, wenn kein Ersatz für geförderte Frühverrentung nach 2009 geschaffen und die Rente mit 67 durchgezogen wird. Unter dem Strich bleibt aber eine bittere Realität: Der Abbau der Arbeitslosigkeit ist in einem noch näher zu schätzenden, aber zweifelsohne bedeutsamen Umfang ein Abgang in gesellschaftlich nicht mehr gesicherte Privat- oder Familienexistenzen.

Doch werfen wir noch einen Blick auf das, was sich nun im Beschäftigungssystem tut. Dort hat sich in den Jahren der Stagnation der Strukturwandel fortgesetzt: Während im verarbeitenden Gewerbe und im Bergbau zwischen 2001 und 2006 rund eine halbe Million Arbeitsplätze abgebaut wurden, gab es im Dienstleistungssektor leichte Zugänge. Diese wiederum sind das Ergebnis eines rasanten Strukturwandels innerhalb des Sektors: auf 5,7 Mio. Mini-Jobs und nach dem stürmischen Anstieg der Ein-Euro-Jobs in 2005 um 149 Tsd. auf 270 Tsd., aktuell 277 Tsd.) – allerdings stagnieren diese beiden prekären Beschäftigungsformen seit dem letzten Jahr. Es expandiert hingegen weiterhin die Teilzeitbeschäftigung – hier erwartet das IAB im laufenden Jahr einen Anstieg um eine Viertelmillion, während bei der Vollzeitbeschäftigung nur mit einer Zunahme von 30.000 gerechnet wird – erstmals wieder seit 2000. Allein mit rd. 200. Tsd. schlägt die Zunahme der Leiharbeit seit 2005 zu Buche (Stand Juni 2006: 598 Tsd.).

Ein letzter Entlastungsfaktor muss noch erwähnt werden. Bis 2008 wird der obere Wendepunkt des Erwerbspersonenpotenzials überschritten – bereits in diesem Jahr sinkt das Arbeitskräfteangebot um rd. 100 Tsd. Personen.

Per Saldo keinerlei Entlastung ist beim ALG II (Hartz IV, SGB II) zu registrieren. Langzeitarbeitslosigkeit verfestigt sich weiter. "Lag der Anteil der SGB-II-Arbeitslosen (an allen Arbeitslosen) zu Jahresbeginn 2006 noch bei 58 Prozent, so betrug er zur Jahresmitte bereits 65 Prozent..." In diesem Jahr muss mit einem weiteren Anstieg auf 67% gerechnet werden.[5]

Fazit: Teilzeitbeschäftigung, altersbedingter sowie resignativer Rückzug vom Arbeitsmarkt – in den kommenden Jahren auch die demographische Entwicklung – sind die entscheidenden Faktoren für den gegenwärtigen und prognostizierten Rückgang der Arbeitslosigkeit. Eine stabile und expansive Beschäftigungsentwicklung bleibt eine politische Herausforderung.

[1] IAB Kurzbericht Nr. 5 vom 28.2.2007
[2] Das sind 450.000 mehr als die Zugänge aus der Nichterwerbstätigkeit.
[3] Stille Reserve im engeren Sinne ohne Teilnehmer in arbeitsmarktpolitische Maßnahmen: 742 Tsd. in 2006 und geschätzten 816 Tsd. im laufenden Jahr.
[4] Stille Reserve in Maßnahmen: 679 Tsd. in 2006 und 714 Tsd. in 2007.
[5] IAB Kurzbericht 5-2007: 5.

 

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